Der Karneval in Brasilien hat eine interessante Geschichte. Bereits im 18. Jahrhundert war der Karneval eine ehe unruhige und unorganisierte Veranstaltung, doch im Laufe des Jahre akzeptierte die Regierung das Fest als Ausdruck der brasilianischen Kultur. Seitdem wurde der Karneval immer raffinierter und gilt bis heute als ein Fest der Harmonie, das die Kluft zwischen Arm und Reich überbrückt.

Die Geschichte des Karnevals
Der Karneval ist ein traditionelles Volksfest, das an verschiedenen Orten der Welt gefeiert wird. Das Fest ist traditionell mit dem Katholizismus verbunden, da es vor der Fastenzeit gefeiert wird. Der Karneval ist keine brasilianische Erfindung, denn sein Ursprung reicht bis in die Antike zurück.
Das Wort Karneval kommt vom lateinischen carnis levale, was so viel bedeutet wie “Fleisch entfernen”. Diese Bedeutung bezieht sich auf die Fastenzeit aber auch auf die Kontrolle der weltlichen Vergnügungen. Dies zeigt den Versuch der katholischen Kirche, die Wünsche der Gläubigen zu kontrollieren.
Der Karneval in Brasilien
Die Geschichte des Karnevals in Brasilien begann in der Kolonialzeit. Eine der ersten Karnevalsveranstaltungen war das in Portugal sehr beliebte Spiel „Entrudo“. Dieses Spiel wurde 1841 verboten, blieb aber bis Mitte des 20. Jahrhunderts bestehen. Beim Entrudo gingen die Menschen auf die Straße und beschmutzten sich gegenseitig mit Schlamm, Urin und anderen Flüssigkeiten, Die „Molhadela“ (molhar= nass machen) könnte öffentlich, aber auch privat gespielt werden. Beim Spiel der Molhadelas wurden Behälter hergestellt, die mit einer bestimmten Flüssigkeit gefüllt waren. Diese Flüssigkeit konnte aromatisiert sein, aber auch stinken: In diesem Fall wurde das Gefäß mit Wasser gefüllt, das z. B. mit Mehl, Kaffee oder sogar Urin verschmutzt war.

Die Geschichte der Sambaschulen
Im 19. Jahrhundert gab es eine intensive Kampagne gegen die Spottveranstaltung “Entrudo”. Infolge des Übergangs von der Monarchie zur Republik, des konsequenteren Vorgehens des Staates bei der Vertreibung der Volksschichten aus den Stadtzentren und der Unterdrückung von Volksdemonstrationen verlor diese Praxis zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Kraft.
Selbst angesichts der Hindernisse gaben die Volksschichten ihre Karnevalsbräuche nicht auf. Ende des 19. Jahrhunderts wurden Gruppierungen (sog. Cordões und Ranchos) gegründet, um sich den Auflagen der Polizei anzupassen. Die Cordões nutzten die Ästhetik religiöser Prozessionen mit volkstümlichen Darbietungen und die Ranchos waren organisierte Umzüge, die hauptsächlich von Menschen ländlicher Herkunft durchgeführt wurden.
Unter den Volksschichten entstanden in den 1920er Jahren die Sambaschulen, als Weiterentwicklung der Cordões und Ranchos. Die ersten Sambaschulen waren die 1926 bzw. 1928 gegründete “Deixa Falar” (Dt: Lass reden!) und „Vai como Pode” (Dt: geh so wie du kannst!). Sie nannten sich Sambaschulen weil die Teilnehmer sich in der Nähe einer örtlichen Grundschule trafen.

Wie eine Sambaschule funktioniert
Sambaschulen sind keine Lehranstalten, wie der Name vermuten lässt: Sie bieten keine Sambakurse an. Gäste können jedoch an den Proben teilnehmen und das Tanzen lernen, indem man anderen zuschaut.
Sambaschulen verkörpern den Gemeinschaftsgeist eines Bezirks oder einer Gemeinde. Sie vermitteln ein Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit und haben einen enormen Einfluss auf die Menschen, die an Proben und Karnevalsvorbereitungen teilnehmen. Oft sind sie auch politisch engagiert. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil des Lebens in Rio de Janeiro und der Kultur. Jeder in Rio jubelt den Sambaschulen genauso zu wie ihren Fußballmannschaften.
Die Sambaschulen und der Karneval in Rio wurden ab den 1960er Jahren zu einem wichtigen Wirtschaftszweig. Geschäftsleute begannen in diese kulturelle Tradition zu investieren und die Stadtverwaltung begann Tribünen auf der Avenida Rio Branco aufzustellen und für die Teilnahme an der Parade eine Eintrittskarte zu verlangen.
Die Karnevalsparaden
In Rio de Janeiro gibt es mehr als 70 Sambaschulen, die alle während der vier Tage des Karnevals aufmarschieren. Sie wählen die Themen aus, schreiben Lieder und Texte, stellen Kostüme und Wagen her und proben das ganze Jahr über, um bei ihren Umzügen erfolgreich zu sein. Sie unterliegen einer strengen Hierarchie und sind in sechs Wettbewerbsligen organisiert: Hauptgruppe, Vorgruppe und Gruppen B, C, D und E.
Die zwölf größten und wichtigsten Schulen von Rio de Janeiro bilden die Hauptgruppe. Sie treten am Karnevalssonntag und -montag vor 3.000-5.000 Zuschauern auf der Samba-Allee (Sambódromo) gegeneinander an. Der Sambódromo wurde 1984 ins Leben gerufen. Das vom weltbekannten brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer entworfene Gebäude wurde zu einem der wichtigsten Symbole des brasilianischen Karnevals.
Jede Sambaschule hat ihre eigenen Farben (ihrer Flagge) und ihren eigenen Stil der Allegorien. Das Farbschema spiegelt sich in vielen Teilen der Parade einer Schule wider.
Alle Sambaschulen präsentieren in den Paraden Geschichten: Die Themen sind i.d.R. Politik, Sport, Geschichte und Kunst. Die Wettbewerbe mit spektakulären Kostümen, Choreographien und Karnevalsmusik sind innovativ und voller Überraschungen für das Publikum. Einige der bekanntesten Sambaschulen in Rio sind Imperatriz, Portela, Beija-Flor, Uniao da Ilha, Salgueiro, Grande Rio, Porto da Pedra, Vila Isabel, Sao Clemente, Mocidade, Mangueira und Unidos da Tijuca.

Die Teile der Parade – das Röntgenbild einer Sambaschule
- Bateria (Schlagzeug): Verantwortlich für die Aufrechterhaltung des Rhythmus.
- Ala de compositores (Komponisten): Verantwortlich für die Gestaltung des Samba-Themas, das bei der Parade gesungen wird.
- Comissão de frente (Frontkommission): Sie hat die Aufgabe, das Publikum zu begrüßen und um Einlass zur Parade zu bitten. Die Präsentation kann auf traditionelle Weise oder in einer der Handlung angemessenen Weise erfolgen.
- Velha guarda (Alteingesessene): Wird von den ältesten Mitarbeitern des Unternehmens gebildet. Sie proben den Gesang und die Choreografie für die Parade.
- Mestre-sala (Hofmeister) und Porta-bandeira (Fahnenträgerin): Der Der Mestre-sala hat die Aufgabe, die Porta-bandeira zu hofieren und zu präsentieren sowie die Fahne der Schule zu schützen, während die Porta-bandeira die Aufgabe hat, die Fahne zu führen und zu präsentieren.
- Harmonia (Harmonie): Verantwortlich für die Aufstellung der Schule vor der Parade und für das Zeitmanagement, damit die Aufgaben innerhalb der festgelegten Frist erfüllt werden.
- Alas temáticas (thematische Flügel): Entwickeln die Choreographie ihrer jeweiligen Station sowie die Kostüme und Requisiten entsprechend dem Thema der Schule.

- Passistas (Tänzer): Ausführung ihrer Choreografie und ihres Gesangs für die Parade entsprechend dem Thema der Schule.

- Ala das baianas (Bahianas Flügel): Entwickeln die Choreographie der Baianas: Die mythischen Baianas sind eine der bekanntesten Figuren des brasilianischen Karnevals und verkörpern sicherlich das Höchstmaß an Samba-Tradition und Authentizität.
Organisationsstruktur der Sambaschulen
Neben dem Wissen über die Zusammensetzung der Teams, die die Parade durchführen, ist es interessant, etwas über die Organisationsstruktur einer Sambaschule zu erfahren. Der erste Schwerpunkt ist die Produktion, denn dort werden alle Träume, die in der Allee vorgestellt werden, entwickelt. Diese Produktionswerkstatt ist unter dem Namen Barracão (Dt.: großer Schuppen) bekannt und besteht aus verschiedenen Bereichen: Reinigung, Demontage, Schreinerei, Requisiten, Näherei, Hutmacherei, Bildhauerei, Lager, Küche sowie die Bereiche Beleuchtung und Spezialeffekte.
Zwischen März und August beginnt die Arbeit in den Bereichen: Demontage, Lager, Küche und Reinigung. Im August beginnt die Prototypenphase, in der die ersten Teile entwickelt werden. Im November beginnt die Phase der Produktion in großem Maßstab und die Bereiche Metallverarbeitung, Tischlerei, Bildhauerei und Malerei nehmen ihre Arbeit auf. Und im Januar und Februar erreicht die Arbeit ihre Höhepunkt, um die Parade während der Karnevalszeit abzuhalten.

Die 14 Sambaschulen der Hauptgruppe in Rio schaffen mehr als 5.000 Arbeitsplätze, die direkt mit der Parade zusammenhängen.

Der Karneval in Rio gilt zu Recht als die spektakulärste Party der Welt und verspricht seinen Besuchern ein rauschendes Fest ohne Atempause. Die sogenannte “größte Party der Welt” verdient einen Ehrenplatz in jeder Reisewunschliste!

Photo1+5) Carnaval do Rio de Janeiro 2004 by André Telles on Wikimedia
Photo 3) Public domain / Instituto Moreira Salles Collection
Photo 4) Carnival in Rio de Janeiro, 1966 by Jorge Nogueira on Wikimedia
Photo 7) Rio de Janeiro – Carnival 2015 by Terry George on Wikimedia
Photo 8) Comissão de Frente Imperatriz by Marizilda Kruppe on Wikimedia
Photo 9) Mestre Sala e Porta Bandeira by Leandro Neumann Ciuffo on Wikimedia
Photo 12) Mãe Baiana Mãe (Ala das baianas) by Sebastião Marinho on Wikimedia





