Weihnachten im Sommer – wie man unter Palmen feiert

Wenn man in Brasilien aufwächst, stellt man sich als Kind diese Fragen wieder und wieder:

1)Warum trägt der Weihnachtsmann bei 30°C diese Klamotten? Ist doch so warm!
2)Warum werden Tannenbäume mit Watte dekoriert? Watte ist keine Deko!
3)Warum streiten sich immer wieder Tanten, Omas und Mama in der Küche? Man soll doch fröhlich sein!
4)Wieso müssen wir so deftig essen? Es schmeckt bei der Hitze doch gar nicht!

Irgendwann später wird man aufgeklärt, dass die Weihnachtsbräuche aus Europa bzw. Portugal aus der Zeit der Kolonisierung übergeschwappt sind. Dann versteht man endlich, dass:

1) der Weihnachtsmann im Nordpol und nicht in Rio de Janeiro wohnt;
2) die Watte auf den Tannenbäumen Schnee nachahmen soll. Schnee? Kennen wir bloß aus Bildern;
3) die Frauen sich in der Küche streiten, weil es zu heiß ist und keine vor dem Ofen stehen will, um den „Chester“ – hierzu mehr später – stundenlang zu beaufsichtigen. Außerdem haben sie bereits mehrere Tage zuvor in der „Küchensauna“ gelebt und Plätzchen gebacken;
4) Im Winter (in Europa ist im Dezember eben Winter!) der Appetit auf deftige, kräftige und salzige Gerichte steigt – und diese Tradition wird in warmen Ländern wegen der Hitze nicht gebrochen.

Also außer schwitzende Weihnachtsmänner in Einkaufszentren zu bemitleiden, Weihnachtsstollen oder Pannettone mit Rosinen, Zitronat und Orangeat essen zu müssen, weil die Erwachsenen das so toll finden und viel Geld dafür bezahlt haben (Anmerkung: das Zeug mag KEIN ENZIGES BRASILIANISCHES KIND!!!) ist Weihnachten selbstverständlich die tollste Zeit des Jahres und wird fast gleich wie in Europa gefeiert, mit kleinen Eigenarten, die wir euch näher bringen wollen. Hier eine Übersicht:

Weihnachtsdekorationen

Obwohl die Idee eine Palme zu schmücken das Bild eines wahrhaft tropischen Weihnachtsfestes zaubert, schmücken die Brasilianer einen traditionellen Weihnachtsbaum. Dieser ist aus Naturschutzgründen heutzutage überwiegend aus Kunststoff und wird mit allen üblichen Lichtern, Kugeln und Watte (!) geschmückt. Krippen, bekannt als „Presépio“ sind sehr beliebt. Sie werden in Kirchen und Häusern  ganz Dezember aufgestellt.

Weihnachtsbaum in Salvador/BA

 

Geschenke

Wenn sich Brasilianer zu Weihnachten am Heiligabend treffen, ist es in der Regel die erweiterte Familie, die zusammenkommt: Von der unmittelbaren Familie bis zu Cousins, Tanten, Onkel, Cousins zweiten Grades und allen anderen, die irgendwie verwandt sind. Demzufolge entsteht bei der Feier eine große Gruppe von Menschen und die Bescherung kann teuer und zeitaufwendig werden. Ein beliebter „Umweg“ hierfür ist der „Amigo Secreto“ oder „Amigo Oculto“ (geheimer Freund):
Jeder Person übernimmt die Verantwortung für den Kauf eines Geschenks für nur eine Person, deren Namen keineswegs verraten werden soll. Hier kann der Fairness halber eine Preiseinschränkung abgesprochen werden. Zur Bescherung wird dann die Person so lange beschrieben (auf witziger Weise, durch Mimik, Gestik usw.) bis die anderen erraten, wer das ist.

Kinder werden üblicherweise „vom Weihnachtsmann“ reichlich beschenkt, auch wenn ein „Amigo Secreto“ unter Erwachsenen stattfindet.

Weihnachtsmann

Der Weihnachtsmann ist in Brasilien derselbe, wie ihn die meisten in der westlichen Welt kennen, wird allerdings „Papai Noel“ (Vater Noel) oder „Bom Velhinho“ (der nette, alte Mann) genannt.

Weihnachtsmann aus Sand an der Copacabana/Rio de Janeiro

 

Feiern

Die meisten Menschen, vor allem Katholiken, gehen am 24/12 zu einem Mitternachtsgottesdienst, die sogenannte „Missa do Galo“. Am 25/12 gehen viele auch zum Gottesdienst, aber oft am Nachmittag. Der 1. Weihnachtstag wird ruhig und entspannt angegangen, man trifft sich Zuhause ohne großes Feiern und isst die Reste vom Vortag.

Missa do Galo im prunkvollen “Mosteiro de São Bento”/ Rio de Janeiro

 

Weihnachtsessen

Für viele ist das Weihnachtsessen der Höhepunkte des Tages und in Brasilien werden die Speisen von vielen Kulturen beeinflusst: Italien, Portugal, Spanien und vor allem im Süden des Landes, Deutschland.

Zum Weihnachtsessen gehören den Chester (eine Art Truthahn), Gemüse, Reis mit Rosinen und Kartoffelsticks, Schinken, Kartoffelsalate mit viel Mayo und manchmal Lasagne sowie Gerichte mit Kabeljau. Das Weihnachtsessen kann bis spät in die Nacht gehen – manchmal bis Mitternacht – wenn die Hauptfeierlichkeit bzw. die Bescherung stattfindet. Ja, die Kinder dürfen solange wach bleiben.

Was ist aber eigentlich ein „Chester“? Die Bezeichnung kommt aus dem Englischen Wort für „Brust“ und beschreibt eine Art Geflügel, die aufgezüchtet wird und es nur in Brasilien gibt: Sie besteht aus 70% mehr Brust und Oberschenkel als normales Geflügel und hat genau die richtige Größe für eine typisch brasilianische Familie von 4,5 Personen. Für viele Familien ist ein Weihachten ohne Chester kein richtiges Weihnachten.

Wir bringen euch dazu in separaten Beiträgen die Rezepte zum traditionellen brasilianischen Weihnachtsmenü (keine Sorge, für den Chester gibt´s Alternativen!)

Typische brasilianische “Ceia Natalina” im Büffetform

Das Weihnachtsessen (Ceia de Natal) wird wie oben auf dem Bild gesehen gern im Büffetform zur Selbstbedienung serviert. Alles wird zusammen aufgetischt: Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch – und reichlich viel davon!

Gegessen wird entweder am separaten Esstisch oder auch im Stehen, draußen auf der Veranda, Garten oder Balkon (nicht vergessen: Ist ja Sommer!) oder die Gäste laufen einfach durchs Haus rum und unterhalten sich. Also alles sehr bunt, laut und spontan, wie das brasilianische Temperament.

Typische Speisen für eine Ceia sind:

  • Appetithäppchen (Canapés) mit Lachs, Kaviar, Speck, Gemüse o.ä.
  • Bolinhos de Bacalhau (portugiesische Fischbällchen) – Rezept hier
  • Käseplatte: dekoriert mit Nüssen, Aprikosen, Datteln o.ä
  • Chester,  Bacalhau (Klippfisch) oder Truthahn – Rezept hier
  • Kartoffelsalat (mit viel Mayo!)
  • Farofa (Beilage aus Maniokmehl mit Gewürzen)
  • Salpicão (Geflügelsalat mit Kartoffelsticks) – Rezept hier
  • Reis mit Nüssen/Rosinen/Gemüse
  • Armer Ritter
  • Plätzchen (Spekulatius, Ingwerkekse, Butterplätzchen)
  • Panetone (meistens mit Speiseeis gefüllt)
  • Tropische Früchte
  • Champagner, Wein, Bier, frische Fruchtsäfte

 

 

 

 

 

2 Antworten auf „Weihnachten im Sommer – wie man unter Palmen feiert“

  1. also, mir hat Weihnachten bei 30 Grad plus besser gefallen als bei 0 Grad oder bei Minustemperaturen und Schnee. Letzteres bedeutet Schneeschippen zu Weihnachten. Das schwitze ich lieber als Hilfswilliger in der Küche. Außerdem war es dort, wo das Christentum entstanden ist, zwar zu Weihnachten nicht so warm wie in Rio, aber im Allgemeinen deutlich wärmer als in Deutschland.
    Frühe vorweihnachtliche Grüße!
    Michael Glück

    1. Danke liebe Michael, dir auch frohe Weihnachten und danke für deinen tollen Beitrag 🙂
      2019 feiere ich wieder bei 30°C und schwitze schon jetzt wenn ich denke ich muss meiner Mama in der Küche helfen 🙂

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